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Überempfindlichkeits-Reaktionen und Dekadenz

Immer öfter bemerke ich die allgemeine Unzufriedenheit meiner jugendlichen Zeitgenossen. Ich lebe in einem der reichsten Länder der Welt und keinem genügt das, was er hat. Während Dekadenz zu den Jugendzeiten meiner Großeltern noch verpönt war und man sich in den besten Jahren meiner Eltern zumindest dafür schämte, weiß die heutige Jugend das Wort nicht einmal mehr zu definieren. Hier, sowie in vielen anderen goldenen Bereichen des Lebens, bilde ich die intellektuelle Ausnahme unter den Intelligenzabstinenzlern.

Ich will hier niemandem die gute alte Geschichte von Reichtum und der damit einhergehenden Unzufriedenheit hineindrücken, da mir die Muse für ständige Wiederholungen meiner selbst fehlt. Wer an dieser Stelle nicht weiß wovon ich spreche, sollte sich schleunigst einen Lottoschein kaufen, um sich im Falle eines Sechsers einige Zeit später am Geländer einer Autobahnbrücke wieder zu finden.

Man muss sich schon etwas verwundert fragen, wie es die menschliche Psyche, wenn auch noch jedes kleinste, unwichtigste Bedürfnis befriedigt zu sein scheint, schafft, einen neuen Wunsch zu äußern. Was soll das denn bitte auch sein? Ein verkümmerter Überlebenstrieb? Übrigens tritt in der Medizin ein ähnliches Phänomen auf. So bildet das menschliche Immunsystem (grob gesagt) aus Unterforderung (wer wird heute noch öfter als zwei Mal im Jahr krank?) Überempfindlichkeitsreaktionen (Allergien). Wie über eigentlich alles, lässt es sich streiten, ob man die Dekadenz nun metaphorisch eine Allergie der Menschheit nennen könnte – Fakt ist: Sie macht mich aggressiv. Auch wenn das ebenso auf meine leichte Pollenallergie zutrifft, meine ich wie schwer zu verwechseln die Dekadenz, die mir neulich in ihrer ekelhaftesten Form als “MSN Statusnachricht” präsentiert wurde.

Der Wortlaut vom 24.01. war damals “nicht gerade ein lebenswertes leben :(“, wobei ich einhergehend mit der anschließender Recherche erfuhr, dass dies sich tatsächlich auf die aktuelle Situation der Urheberin bezog. Zumindest ihrer Meinung nach. UND DAS, WO VOR EIN PAAR TAGEN ÜBER 200.000 MENSCHEN IN HAITI GETÖTET WURDEN UND NUN CA. 600.000 MENSCHEN AUF DER STRASSE SITZEN! 12 Tage sollten eigentlich sogar für die Krone genug Zeit sein, um auch noch dem letzten verwöhnten, österreichischen Schnösel zu übermitteln, dass es “da unten mal gekracht hat”.

Aber ich will mich hier jetzt nicht in Rage schreiben und beende den Artikel mit etwas Erheiterndem. Mein kompetenter Mitschüler Martin R. gab neuerdings eine unparteiische und inhaltlich vollkommen korrekte, kleine Kritik zu meinem Blog ab, die ich hier nun in Form eines Videos veröffentliche.

8 Antworten: Überempfindlichkeits-Reaktionen und Dekadenz”

  1. Nussi sagt:

    wieder mal ausgezeichnet, allerdings sehe ich oft eine weitere seite… nämlich, dass so viele menschen denken, wenn eine bestimmte sache passiert, ja DANN wären sie glücklich… anstatt zu versuchen mit dem glücklich zu sein, was man hat

    sehr gut ausgedrückt wieder mal von dir

    grüße stefan

  2. Max sagt:

    Du sagst es! Genau da beginnt’s: Solange man etwas hat, auf das man hinarbeiten kann, ist man zufrieden. Bis man seiner “Bestimmung” nachgekommen ist und herausfindet: “Hoppla, das befriedigt mich jetzt nicht. Außerdem gibts da ja noch was..”

    Danke für deine Kommentare. :-)

  3. strohmi sagt:

    1. kann ich dir nicht ganz recht geben. Zwar sind die von dir beschriebenen Leute in der Tat Idioten. Du redest allerdings immer nur von materiellen Dingen und klammerst Liebe und Geborgenheit als Faktoren von Glück völlig aus, zudem das meinermeinung wesentlich wichtigere Faktoren sind.

    2. is das was du da im Kommentar gerade beschreibst das Parissyndrom (1. Schritt: “Schau wie schön! Da muss ich hin!” 2.Schritt:”So toll Is es auch nicht hier. Eigentlich is eh immer alles scheiße!”)

    3. schreibt man “Muse” mit ß, also “Muße”. So wie du es geschrieben hast ergibt es hier nämlich keinen Sinn.

    4. is das Video eine Schande für diesen erstklassigen Blog. Da erwarte ich mir schon etwas mehr Qualität.

  4. Max sagt:

    Hi Strohmi!

    1. Die von mir beschriebenen, materiellen Wohlstände sind Grundvoraussetzungen um “Liebe und Geborgenheit” erleben/genießen zu können.

    3. Wenn ich kurz Wikipedia zitieren dürfte: Eine Muse (griechisch Μούσα) ist eine Person, die einen anderen Menschen zu kreativen Leistungen anspornt oder inspiriert. Oft sind Musen Frauen im Umfeld von Künstlern. Eben diese habe ich nicht für – siehe obigen Artikel. Muße wäre laut Wikipedia hingegen die Zeit, in der man sich seinen aufbauenden Aktivitäten hingeben kann.

    4. Unfug. Qualität hin oder her, Martin ist einfach witzig. :-)

    MfG!

  5. sbstn sagt:

    Die ganze Zeit habe ich mich über deinen Eintrag gefreut, in der Hoffnung, dass er mich glücklich mache. Doch dann kam die Ernüchterung.

    Haha, nein. Du triffst es ganz gut, auch wenn ich es recht offensichtlich finde.

  6. Max sagt:

    Hahahaha um das Klischee zu bestätigen müsste ich dich nun “Dekadenter Widerling” nennen.

    Natürlich treffe ich es gut und aber wirklich bemerkt, dass MICH das auch betrifft, habe ich erst mit der Statusnachricht…

  7. Tim sagt:

    Man sollte nicht davon ausgehen, dass jeder Mensch seine aktuelle Situation mit der Gesamtsituation der Menschheit vergleicht. Das ist für Menschen sogar ziemlich untypisch. Umso verwunderlicher ist es, dass genau dies nicht in deine biologisch fundierte These eingeflossen ist, denn die Unzufriedenheit eines Menschen basiert – wohlgemerkt durch die evolutionspsychologische Brille gesehen – auf der Absenz von Belohnungen. Menschen sind biologisch so angelegt, dass sie auf Menschen irgendwo in Übersee wenig geben, auch wenn dort 100000 Menschen sterben. Dass wir Mitgefühl empfinden ist ein positiver Begleiteffekt unserer Kultur, doch für unseren Grad an Zufriedenheit ist es völlig irrelevant. Dass du es „Dekadenz“ nennst ist ein Fehler, da dies impliziert, dass diese Einstellung kulturell bedingt ist.

  8. Max sagt:

    Guter Punkt.
    Aber eben durch unsere, von der Globalisierung beeinflussten, Medien wird einem die “Gesamtsituation der Menschheit” täglich vor die Nase gehalten. Die meisten Leute empfinden Mitleid, doch die wenigsten versetzen sich intensiv in die Lage der Menschen in den Krisengebieten und denken sich: “Hoppla, das könnte genauso gut ich sein.” und im weiteren Sinne “Gut, dass ich das nicht bin.”. Wenn damit nicht ein Mindestmaß an Glücksgefühl bzw. Befriedigung hervorgerufen wird gehe ich recht in meiner Behauptung, diese Leute seien dekadent. Der Maßstab unseres eigenen Wohlbefindens, ist immer das Wohlbefinden anderer und dekadente Leute orientieren sich trotz gutem Lebensstandard am Wohlbefinden derer, denen es ihrer Meinung nach besser geht.

    Sei es nun das Materielle oder Emotionales.

  9. [...] aber sich ihm bestätigend zuwenden und mit ihm in Reih’ und Glied marschieren, denn das (mein lieber Max) ist Dekadenz. [...]

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