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Ein paar Gedanken zur BPW16

Jetzt ist es so weit. Bei einem derartig protrahierten Wahlkampf und der ärgerlich larmoyanten Stimmung der „Politikinteressierten“, die sich seit dem 24. April hält, fällt es schwer, nicht selbst auch einen verzichtbaren Kommentar auszustoßen. Synchron zu jedem Wahlergebnis mutiert unser aller Umfeld nämlich in seiner Gänze zu politologischen Schwergewichten und selbst jene, die nicht einmal das Geständnis scheuen, normalerweise auf das Lesen einer Tageszeitung zu verzichten, empören sich auf Facebook über die „Blödheit der Masse“. Ich kann mir daher nicht vorstellen, dass meine bescheidene Sicht der Dinge einen geringeren Anspruch auf ihre Existenzberechtigung hat, als die vierundzwanzigtausendste Duplikatur eines zynischen Zitates in ärgerlich pathethischem Kontext.

Karl Kraus

Das Facebook-Bildchen: Karl Kraus war für ein paar Stunden der beliebteste Autor Österreichs…

Wahrscheinlich ist es gar nicht so einfach, eine halbwegs differenzierte Meinung zu diesem Wahlkampf zu äußern, die nicht schon von irgendeinem gelangweilten Journalisten getwittert wurde, aber ich erhebe ja auch keinen Anspruch auf Einzigartigkeit, sondern versuche ein lesenswertes Destillat meiner schweifenden Gedanken zu fabrizieren.

Am meisten verwundert haben mich die (österreichischen) Medien. Die „Wahlfahrt“ ist zwar ein recyceltes Format, hat auf den ersten Blick aber gerade beim Bundespräsidentschaftswahlkampf seine Berechtigung: In einem Amt, dessen Hauptaufgaben Repräsentation und Diplomatie darstellen, macht es doch Sinn, die Kandidaten persönlich kennen zu lernen, oder? Ich finde nicht. Es ist der gesunden Psyche in meinen Augen auch nicht zuträglich, vom Ausgangspunkt der Information zu Lieblingsspeisen oder Gläubigkeit über das außenpolitische Verständnis der Kandidaten urteilen zu müssen. Dann wiederum würde niemand, der noch bei Sinnen ist, dem Durchschnittsösterreicher ein fundiertes Urteilsvermögen zu außenpolitischen Standpunkten attestieren – das maße ich mir auch selbst nicht an. Ein demokratisches Dilemma. Neu war zumindest für mich das PULS4-Taferl-Konzept mit Englisch-Testat. Nichts gegen Frau Milborn im Generellen, aber da fand ich sogar die Moderation vom würdelosen „ATV Meine Wahl“-Programm strukturierter. Zum Kalkül hinter diesem „Gladiatorenkampf“ möchte ich mich gar nicht weiter äußern, da der normalintelligente Zuseher wohl befähigt ist, den Zusammenhang zum Fernsehquotenkampf herzustellen.

Egal. Ist ja jetzt alles schon passiert und hat irgendwie das politische Niveau gedrückt. Aufgefallen sind mir die Gegensätze, die Norbert Hofer in seinem Wahlkampf geschickt zu vereinen weiß. Um das zu erklären, möchte ich sehr vereinfachend – und wohl sympathiegefärbt – rekapitulieren: Oberflächlich charakterisieren kann man die Kandidaten als Universitätsprofessor und Burschenschafter. Der eine ein Intellektueller, der eine akademische Karriere hinter sich hat. Der andere ein Maturant, dessen Karriere politischer Natur ist. Nun will der Maturant eine autoritäre Führungsperson sein und betont zeitgleich seine Nähe zum Wähler. Wie passt das zusammen? Die Prämisse, „der Österreicher“ würde einen Bundespräsident wollen, zu dem er aufblicken kann, wird völlig ausgehebelt. Hofer ist der Kumpel im Bierzelt – mit allen auf Augenhöhe. Aufblicken muss zu ihm nur die Regierungsbank, die er totalitär dominieren kann. Völlig konträr dazu, würden zu Alexander van der Bellen die Österreicher – zumindest jene, welche die Intelligenzija (dummes Wort, ich weiß, bla – aber die Distinktion gehört erwähnt) und Bildungshintergrund achten – aufblicken, während die Regierungsbank auf Augenhöhe stehen würde. Dass Hofers Positionierung bisher mehr Anklang gefunden hat, liegt wohl auch am unvorteilhaften Bild der Regierung, das zu zeichnen die Medien aller politischen „Lager“ die letzten Jahre über sehr bemüht waren. Es ist eine Plattitüde, aber Skandale verkaufen sich eben besser als Erfolge.

Interessant finde ich auch diese Paralleldiskussionen rund um das „NLP“. Also nicht deren Inhalt, sondern viel mehr, dass sie als solche existieren. Vermutlich waren 90% der Vorwürfe, „NLP-Strategien“ zu verwenden, in diesem Wahlkampf ungerechtfertigt. Ich bin der Überzeugung, dass kaum jemand der sich mit NLP auch nur kurzzeitig beschäftigt, diesen Techniken ein derartiges Ausmaß an Bedeutung beimessen würde, wie es Hofer-Kritiker und Journalisten die letzten Tage getan haben. Auf mich hat der sogenannte „NLP-Künstler“ Hofer nämlich gewirkt wie jemand, der die Rhetorik, Mimik und Gestik von einem präpubertären Kind anwendet, ohne dabei wie ein geistig Retardierter wirken zu wollen. Das stößt mir, in den Momenten in denen ich es schaffe, aufmerksam einem dieser Streitgespräche zu folgen, unangenehm auf. Ebenso wie der Trend, diese Debatten auf schwammige NLP-Muster zu untersuchen, wozu sich sogar der FALTER erniedrigt hat. Einfache soziale Kommunikationsgrundsätze, werden für mich nicht weniger evident, nur weil man sie plötzlich in prätentiöse Fremdwörter („Neuro“, „Linguistik“) verpackt. Ein wenig nachvollziehbarer, aber auch nicht wirklich spannend, finde ich den Vorwurf, Hofer würde sich eristischer Dialektik bedienen. Vielleicht bin ich ignorant, aber solche Analysen fallen für mich unter intellektuelles Kleingeld und befinden sich weit außerhalb meiner geistigen Komfortzone.

Das Spitzenthema der periodisch inkarnierenden Politologen ist aber augenscheinlich Norbert Hofers bisheriger Wahlerfolg. Es liegt mir fern, all die halbherzigen Phrasen und Theorien zu replizieren, die man in Diskussionen zu diesem Wahlkampf bisher gelesen und gehört hat. Aber die eine These, die sich penetrant in beiden politischen Lagern und wahlübergreifend hält, möchte ich doch aufgreifen:

Die FPÖ ist die einzige Partei, die sich gewisse Themen anzusprechen traut(, oida).

Die prädestinierte Nachfrage fordert natürlich, diese Themen zu benennen. Die großen Probleme dieses Landes, die also fast alle/viele Bürger betreffen, können es ja nicht sein: die steigende Arbeitslosigkeit, die (HYPO-)Schulden und der „unattraktive Wirtschaftsstandort Österreich“ wurden vor der ersten Wahlrunde von Lugner besser auf den Punkt gebracht, als von sonst einem Kandidat. Die weniger großen Probleme äußern sich in Einzeilern wie „Die Erdogan-Türkei ist für die EU-Mitgliedschaft völlig ungeeignet!“ – eine Meinung, die den Rechten und Linken der Nation gemein ist. Dass die Regierung mit ein paar Tausend Flüchtlingen überfordert ist (war?), stellen die NGOs auch von ganz alleine fest, ohne dass die Freiheitlichen das erklären müssen. Worauf die FPÖ herumhackt ist die „Ausländerkriminalität“, ein Problem, das ebenso von allen Parteien thematisiert wird, nur die FPÖ-Politiker gewichten das halt, als hinge das Leben ihrer Kinder davon ab, verallgemeinern es und lassen es nicht mehr los. Und das ist mutig? So paradox das klingen mag, aber ich bin der Überzeugung, dass es Probleme gibt, deren Lösung durch hartnäckiges Thematisieren in noch weitere Ferne rückt. Dies nur als kleine Botschaft an die politischen Amateur-Phrasendrescher.

Bevor ich Gefahr laufe, diesen Kommentar zur reinen FPÖ-Kritik verkommen zu lassen – das interessiert ja in Wirklichkeit auch niemanden mehr – wage ich noch einen vorsichtigen Blick in die Zukunft: Die „Präsident VdB“-Vision legt nahe, dass er als Bundespräsident wohl die größten Probleme haben wird, die Regierungsarbeit problemorientiert voranzutreiben. Christian Kern hin oder her. Die „Präsident Hofer“-Vision bedarf einer rigideren Realitätskontrolle: wahrscheinlich sind aktionistische, medial inszenierte, „offizielle“ Rügen der Regierung. Nahezu sicher ist eine drastische Reduktion offizieller Staatsbesuche des österreichischen Bundespräsidenten. Das spart Geld. Aber die innenpolitische Auswirkung beider Option wird wohl identisch sein.

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