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Spotted: der gläserne Mensch wird noch gläsener

„Spotted“ heißt ein neuer Facebook-Trend, dessen Konzept einfach, erfolgreich und vor allem sehr bedenklich ist. War ich bisher noch der Meinung, dass Facebook-Abstinenzler mit ihrem Privatsphäre-Wahn übertreiben, beginne ich mich inzwischen ernsthaft zu sorgen: man schickt dem (anonymen) Betreiber der Spotted-Seite seines sozialen Umfelds (bspw. der Seite „Spotted: University of Vienna“) eine private Nachricht mit der Beschreibung einer Person, die man in der Bibliothek, dem Hörsaal, der Mensa oder vor der Toilette „gespotted“ hat. Die Seitenbetreiber veröffentlichen diese Beschreibung anonym und in den meisten Fällen findet sich eine Verlinkung des Facebook-Profils der gesuchten Person unter den ersten 10 Kommentaren im Beitrag. Das klingt nicht halb so morbide wie es eigentlich ist. Ich selbst war bisher nicht in der Rolle eines Gesuchten, ebenso wenig habe ich einem anonymen Suchenden geholfen. Ich war ein Täter.

In meinen Vorlesungen sitze ich oft neben einem recht auffälligen Kommilitonen, von dem ich letzten Montag um 12:22h eine knappe Beschreibung an die Spotted-Seite meiner Universität schickte. Um 13:10h wurde die Nachricht anonym veröffentlicht und um 13:32h hatte der Beitrag einen (den ersten) Kommentar mit einem Link auf die Seite meines Sitznachbars. Ich fand das sehr amüsant. „Klick“ hat es bei mir erst gemacht, als sich mein Kollege am nächsten Tag sarkastisch für die Aktion bedankte. Grinsend erzählte er mir, dass er heute ständig angestarrt und bereits von 7 Leuten angesprochen wurde. Was habe ich da eigentlich gemacht?? Unfassbar.

Die Idee stammt natürlich nicht aus einem österreichischen oder einem deutschen Kopf. So hat beispielsweise die Seite „Spotted: on Dublin Bus“ auf Facebook über 32.000 Anhänger, das Pendant für die Bibliothek der GCU (Glasgow Caledonian University) über 6000 „Fans“. Wachstum nahezu exponentiell. So legte die Seite für die Universität Graz innerhalb von 2 Tagen über 1500 Fans zu. Das Idiom wurde höchstwahrscheinlich aus der Fernsehserie „Gossip Girl“ übernommen, in der eine Bloggerin von Jugendlichen via SMS Informationen über Dritte („die Reichen und Schönen“) erhält und diesen Klatsch über das Internet verbreitet – sehr zum Ärger der Betroffenen. Das Motiv der Facebook-Seitenbetreiber: Liebe.

"SHARE THE LOVE"

„SHARE THE LOVE“

Die Umsetzungen dieses Stalking-Prinzips auf Facebook sind alle noch recht jung: die ersten „Spotted“-Seiten wurden im Dezember 2012 erstellt – im Zeitrahmen von nur einer Woche. Seitdem vermehren sie sich blitzartig: nightlife, öffentliche Verkehrsmittel und die gesamte Stadt – alle haben eine eigene „Spotted“-Seite. Daraus kann man sowohl auf Trittbrettfahrer als auch auf ein organisiertes Vorgehen von einer oder mehreren Personen schließen. Interessant ist ebenfalls, dass sich für die großen und sehr bekannten Universitäten wie beispielsweise Harvard keine „Spotted“-Seiten auf Facebook finden lassen. Es ist in meinen Augen relativ unwahrscheinlich, dass diese bis jetzt noch nicht gegründet wurden. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Uni oder Facebook selber reagiert hat und eine Löschung erfolgte.

Warum sollte man gegen diese Stalking-Seiten so radikal vorgehen? Kann man die Internetgeneration nicht einfach ihren Spaß haben lassen? Ich bezweifle sehr, dass sich derzeit in den Gesetzbüchern Richtlinien finden lassen, nach denen man gegen diesen Mechanismus vorgehen kann – was ich nicht bezweifle ist die Gefährlichkeit der Spotted-Eigendynamik. Bisher war es angebracht seine „Privatsphäre-Einstellungen“ entsprechend zu wählen, um nicht gefunden zu werden. Nun werden die eignen Facebook-Kontakte zum Privatsphärenrisiko – oder überspitzt ausgedrückt: zu Verrätern. Denn das Prinzip setzt nicht voraus, dass die oder der Gesuchte selbst ein Facebook-Profil hat. Sobald man extravertierte Freunde, Kollegen oder Bekannte hat, die dem Spotted-Trend folgen, kann auch schon der eigene Name in den Kommentaren zu den Suchanfragen aufscheinen. Dass Mobbing-Fälle auftreten ist ebenso prädestiniert, wie das weitere Wachstum der Seiten, denn von einer Jugend die es im Internet so weit treibt, dass Mitschüler Suizid begehen, kann man diesbezüglich keine moralische Haltung erwarten. (Wohl aber eine R.I.P.-Fanseite.)

Es ist ein effektiver menschlicher Such-Algorithmus, der alle bisher gesehenen mathematischen Alternativen bei Weitem in den Schatten stellt. Nutzer werden freiwillig und abseits jedweder kritischer Gedanken zu einem Teil von eben diesem, weil „im Internet ist eh alles nur Spaß“. Aber nur genau so lange, bis man sich selbst in einer möglicherweise diffamierenden „Spotted“-Meldung erkennt…

4 Antworten to “Spotted: der gläserne Mensch wird noch gläsener”

  1. Mr.Obergeil sagt:

    Deine Mama. Nein Spaß beiseite. Jeder der diese Seiten liked ist ein Untermensch. Ich wurde in den letzten Wochen bereits mehrmals belästigt von diversen „Spottet Uni Graz“ „Spottet City of Graz“ etc.

    Aber dat hier ist der überschieeet https://www.facebook.com/gossipgirlgraz

    Gossip news von diversen Gymnasien. Falls jemand schon immer ma wissen wollte wer es am Borg Monsberger grad mit wem treibt.

    I dont want to live on this planet anymore.

  2. aasdfwasdfwsdge sagt:

    so etwas ähnliches wie das gossip girl graz hat es vor über ca 2 jahren in wels schonmal gegeben- seite wurde aber von facebook(oder dem betreiber) nach kurzer zeit wieder entfernt.

  3. schönster mensch der welt sagt:

    ich glaub so viral war noch nie ein artikel von dir, oder? :D

  4. Max sagt:

    Nach 5 Jahren wurde es aber auch Zeit, dass ich mich elegant und komplikationslos in die Welt der Massenmedien eingliedere.

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