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Cro

Ganz im Ernst? Solange Facebook mir Werbungen Marke “Koihime Musō – SO SÜSS! Supertolle Kampfbräute mit RIESIGEN Schwertern” liefert, mache ich mir überhaupt keine Gedanken über meine Privatsphäre. So viel, wie ich in diesem Netzwerk schon geliked, gepostet und kommentiert habe, sollten die mich aber wirklich besser kennen. Natürlich ist Facebook ein leidiges, ausgepresstes Thema. Aber noch nicht ausgepresst genug, wie zum Beispiel die Kleine Zeitung und News befinden und im monatlichen Takt einen Leitartikel in der Printausgabe publizieren oder aber mit dreiseitiger (natürlich hochgradig seriöser) Berichterstattung, die Aufmerksamkeit der Rezipienten fesseln. Letztere sind meistens über siebzig Jahre alt und vom sonntäglichen Besuch der Kirche schon entsprechend konditioniert, alles zu glauben, was eine höhere Autorität als Wahrheit proklamiert und an inhaltliche Wiederholschleifen gewöhnt. Sei es Pfaffe, Zeitung oder die einsame Nachbarin, deren widerlicher Köter immer ins Treppenhaus scheißt. Je nun, Oma/Opa/einsame Nachbarin, es ist mir egal, ob ihr schon wieder von der Speicherung der Nutzerdaten auf Facebook gelesen habt – solange ich nicht an “supertollen Kampfbräuten mit RIESIGEN Schwertern” interessiert bin, sondern an den Produkten des Thieme-Verlags, ist mir das egal. Und solange Computersysteme gehackt werden können, würde ich mir sehr gut überlegen, ob ich das Festnetztelefon in der Wohnung behalte – schließlich und endlich wissen durch derlei Kommunikationsinstrumente nicht nur die Bekannten, sondern dank der Vorratsdatenspeicherung auch die Behörden vom Treppenhaus-zuscheißenden Köter. Unsere Daten sind überall.

Viel schlimmer als die uns betreffenden Daten, von denen wir nicht wissen, dass sie gespeichert werden, sind die, die jeder einsehen kann. Wenn ich auf Facebook “; gefällt Cro.” lese, hält mich im Zeitraum der nächsten 10 Minuten jeder Arzt für einen Basedow-Kranken.

Einen sehr schlecht gelaunten Basedow-Kranken.

Es ist schwierig zu erklären, warum ich Cro so hasse. Wieso halte ich diese Fanseite für ein riesiges Sammelbecken geschmacksverwirrter Teenie-Vollidioten?

Vor einem halben Jahr erschien “Easy”. Cro rappt fröhlich auf einen motivierenden Beat und macht ein paar Witze. Für Pop zu viel Rap. Für Rap zu viel Pop. Die beiden Genres zu mischen ist keine neue Idee – Marteria (“Verstrahlt”) und Casper (“So Perfekt”) haben es erfolgreich vorgemacht, sind dabei allerdings überwiegend im Rapgenre geblieben. Bei Cro wirkt es so bizarr wie ein Selbstmordattentäter in einem Helly Kitty Kostüm – eine perverse Kombination. Und das bei jedem Lied. Er hat sich auch nicht entblödet diesem Krebsgeschwür von Musikstil einen eigenen Namen zu verpassen – “Raop”. Größenwahnsinnig, lächerlich oder beides?

Anscheinend nichts dergleichen, denn der deutschsprachige Raum feiert ihn im gleichen Stil, wie Carly Ray Jepsen – man kennt sie als fast 30jährige die in ihren Liedern inhaltlich und in ihren Musikvideos visuell auf 14jähriges Girlie macht. Cro hat innerhalb von 6 Monaten fast eine Million Facebook-Fans und das ohne je eine CD auf den Markt gebracht zu haben. Nervt. T. aus B. wohnhaft in G. schreibt (während das Easy-Video bereits weit über 10 Millionen Aufrufe verzeichnet) als Statusnachricht: “Wie sie auf einmal alle Cro feiern. Die Welt hat ja doch Geschmack.” – Sie hat Unrecht. Popmusik ist so konzipiert, dass eine möglichst breite Masse angesprochen wird und damit keine Geschmacksache. Nervt. Dieser billige Pandamasken-Ich-vermarkte-mich-alternativ-Stil… nervt.

All diese Tatsachen im Hinterkopf, machen Cros durchaus ansprechenden gute-Laune-Lieder für mich zur auditiven Qual. Es gibt nicht genug Fäuste auf der Welt um alle “Klar hör’ ich Rap, aber nur guten, sowie Cro.”-Leute zum Schweigen zu bringen.

Bushido ist der Grund dafür, dass Leute Rapmusik so hassen. Aber ihre Rettung scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Denn Caspers Musik wird von verwirrten Hypetrak-Lesern als “Post-Hop” umschrieben und Cros “Raop” hat mit Rap nur sehr wenig zu tun. Wie sollen die Vorurteile, die Rap mit sich herum trägt abgebaut werden, wenn alle Nachwuchsrapper (zu denen Casper natürlich nicht gehört, um Missverständnissen vorzubeugen) ihre Musik nicht mehr als Rap bezeichnen, geschweige denn produzieren? F.R. ist für mich persönlich der letzte Hoffnungsschimmer. Die entscheidende Schlacht hat der gute Rap allerdings schon vor Jahren verloren, als Beatfabrik im Untergrund blieb und Bushido und Sido bekannt wurden – nicht umgekehrt…

Eines sei zum Schluss noch angemerkt: Die Easy-EP steht bei mir im Regal und das kommende Album Raop werde ich mir auch kaufen. Mit dem Vorsatz auf die Frage “Was für Rapper hörst du?” niemals mit “Cro” zu antworten.

1 Antwort to “Cro”

  1. sbstn sagt:

    Teilweise Zustimmung, teilweise aber auch nicht. Ohne hier wen in Schutz nehmen zu wollen, Cros Mixtapes sind meines Erachtens keineswegs gezielt auf Massentauglichkeit produziert. Er scheint seinen eigenen Geschmack zu befriedigen, wenn er die Caesars oder Bloc Party samplet. Ich halte ihn für kein Kunstprodukt irgendeines Managers, auch wenn die Kollegen von Chimp ihm da sicher mehr als nur beratend zur Seite stehen. So kühl berechnend ist dann aber doch keiner von ihnen. Der Junge wird sich schon nicht selbst verraten und lässt sich auf keinen Scheiß ein, hinter dem er nicht persönlich stehen kann. Für T. aus B., wohnhaft in G., kann er ja auch nichts. Die Panda-Sache ist ein ganz guter Marketing-Gag, keine Frage, letztendlich aber auch nur aus einer spontanen Laune heraus entstanden.

    Was ich sagen will: ärgere dich nicht so viel.

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