Der Gefreite meldet sich ab!
Nach 6 langen Monaten ist das Bundesheer für mich nun Geschichte. Was bleibt sind Fragen, teils beantwortet, teils unbeantwortet. So brauchte ich, wie bereits vor einigen Monaten berichtet, nicht lange um herauszufinden worum es sich denn bei einem “Fickfetzen” handelt. Interessanter allerdings sind die Fragen Sorte “Wenn nicht das ÖBH, wer hält dann den Eintrag im Buch der Rekorde für das schlechteste Preis/Leistungs-Verhältnis der Welt?” – Hier kann ich nur spekulieren. Die Institution der katholischen Kirche? Eine CD von Lena Meyer-Landrut? Eine CD von Microsoft jedweden Inhalts? Eine CD über Lena Meyer-Landrut von Microsoft? Eine Versicherung von UNIQA? Aus mathematischer Perspektive ist es natürlich schwachsinnig darüber zu sinnieren. Preis/Leistung? DIVIDE BY 0 – Error würde ein guter Freund von mir, der TI-30X IIS, dazu sagen.
Nach der Grundausbildung und dem darauf folgenden Tagesmarsch-Laufausflug-OrientierenimGelände-Scheiß (auktorial.net berichtete) ging ich in meine Funktion als Soldatenheimbedienung. Aber, nicht dass jetzt einer glaubt, ich hätte dort serviert. Man kennt doch diese Süßigkeitenstände in Paris, wo man für 0,33lt stilles Wasser 3,50€ bezahlt. So ein Standler war ich, mit dem Unterschied, dass ich für 0,33lt Wasser nur 30c verlangte und die Kakerlaken in Paris eine Fluchtmöglichkeit haben, während sie bei mir hinter robusteren Mauern festsaßen. Andererseits bezahlten auf meiner Dienststelle (1500m über dem Meeresspiegel) sowieso sämtliche Kleintiere den Preis der Freiheit mit dem Kältetod. Ich verbrachte meine Arbeitszeit also mit dem Beobachten von sterbendem Ungeziefer und dem Herausgeben von Bierflaschen. Im verstecktesten Eck Österreichs fehlt es allerdings nicht nur an Handyempfang, sondern auch an Kundschaft. Deshalb gilt: 100% Dienstzeit ≙ 2% Arbeitszeit. Die verbleibenden 98% (die Rechnung stimmt, meine lieben mathematisch minderbemittelten Freunde) nutzte ich um meine belletristischen Bedürfnisse zu befriedigen, während ich nach Dienst in meiner Freizeit Biologie streberte.
- Tess Gerritsen – Totengrund
- Frank Schätzing – Limit
- Haruki Murakami – Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah
- Haruki Murakami – Naokos Lächeln
- Patrick Rothfuss – Der Name des Windes
- Patrick Rothfuss – Die Furcht des Weisen 1
- Walter Isaacson – Steve Jobs
- Haruki Murakami – Kafka am Strand
- Haruki Murakami – Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt
- Haruki Murakami – Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede
- Sonia Rossi – Fucking Berlin (auktorial.net berichtete)
- Haruki Murakami – Mister Aufziehvogel
- Patrick Rothfuss – Die Furcht des Weisen 2
- Tess Gerritsen – Grabkammer
In einer militärischen Dienststelle sind Bücher allerdings so auffällig wie ein Emo in einer Moschee. Aber im positiven Sinn. Ich weiß nicht genau, wer mich da so toll fand, aber an Freunden und ungewollter Aufmerksamkeit mangelte es mir nicht: Mysteriöse Fremdeinflüsse begannen Veränderungen an der Toilettenwand zu evozieren.
Mein Bett entwickelte ein dualitäres Eigenleben, das ganz im Zeichen der Anziehung und der Abstoßung stand. Angezogen wurden vor allem rostige Drahtstifte (der Laie würde zum Wort “Nagel” greifen, doch diese sind geschmiedet) und angerotzte Taschentücher. Abgestoßen wurden Leintücher und Lattenrost. Ich versuchte mein Bett auf sein irrationales Verhalten aufmerksam zu machen, da es keine Freude ist die Einzelteile jeden Tag aufs neue zusammenzusuchen und den Müll zu entfernen, doch es verhielt sich stur und unbelehrbar wie ein psychopathischer Delinquent.
Konträr dazu waren die Voraussetzungen für gute Beziehungen und lebenslange Freundschaften mit meinen “Kameraden” aber sehr wohl gegeben, würde ich jetzt gerne behaupten, ohne dabei lügen zu müssen. Ich schaffte es nicht so recht mich in die Gruppe zu integrieren. Die Leute waren alle vom Land. Die meisten rochen auch so. Die Gesprächsthemen wechselten zwischen “der hat den neuesten Stall am Hof”, “der fahrt das schnellste Auto” und “die Ausländer ‘kosten’ uns so viel”. Interessen und Hobbys? Weibliche Körperteile und Bier trinken. Alles in allem triebgesteuerte, ungebildete und primitive Intelligenzallergiker.
Sie waren wie Tiere.
Leider kam ich nicht umhin, im Speisesaal doch Einiges mitanhören zu müssen.
“Hey Wallner (Name geändert), is mit dir eigentlich a Maria verwandt?”
“Ka Ahnung. (Langes Zögern.) Wie heißt sie im Nachnamen?”
Aber nicht, dass jetzt ein Leser glaubt, das hätte von meinen Kameraden jemand lustig gefunden…
Ich habe bereits oben angeführt, welche Bücher ich während meiner Dienstzeit lesen konnte. Allerdings war nicht immer eines griffbereit, weswegen ich gelegentlich spontan auf Magazine umstieg. “Woman“, “Mens Health” und “Psychologie Heute” waren dabei meine Favoriten, welche mich zu einer interessanten Entdeckung führten.
Zielgruppenanalyse.
“Woman” titelte mit “Was wir Frauen wollen und brauchen: Die große Umfrage“.
“Mens Health” titelte mit “Was Frauen an uns Männern gefällt“.
Beide Magazine titelten mit “So kommen Sie zur Idealfigur für Ihren Sommerurlaub“.
“Psychologie Heute” implizierte wie immer mit Fachartikeln, dass statistisch gesehen eigentlich jeder Mensch irgendeinen Dachschaden hat und erklärte mir den Unterschied zwischen “Nägeln” und “Drahtstiften”.
Während ich noch rätselte, ob vielleicht ein größerer Plan dahinter steckt, kam ein blondes Bubi Marke “Gebt mir Helium zum Inhalieren, meine Stimme wird dadurch nämlich tatsächlich tiefer!” und begann mit chronischen Lästerattacken. Eine Woche später schrottete der Rekrut (Funktion: Kraftfahrer), den Transportwagen unseres Kommandanten. Totalschaden.

Ich glaube allerdings nicht, dass dieser Untermensch zum damaligen Zeitpunkt je etwas über “Karma” gehört hatte. Also wenn ICH den Touareg vom Oberst zusammengelegt hätte, würde ich den Mund halten, aber das schien ihm herzlich egal zu sein.
Der dümmste Mensch der ganzen Steiermark, (und davon, soviel Blödsinniges, Zynisches, Sarkastisches und Gelogenes ich hier auch verzapfe, bin ich ehrlich überzeugt) verrichtete allerdings seinen Dienst neben mir im Soldatenheim. Ich habe ihn nicht verurteilt, weil er bei seiner Lehrabschlussprüfung zwei Mal versagt hat und trotzdem anmaßend genug war mich “dumm” zu schimpfen, sondern weil ich mit ihm geredet habe. Natürlich kann ich hier in Ermangelung einer besseren Methode nur inhaltlich festhalten, was dieser Mensch so von sich gegeben hat. Dabei wäre er die goldene Laborratte eines jeden Sprachwissenschaftlers – der extreme Dialekt, kombiniert mit dem exzessiven Gebrauch des Wortes “oida”, ließ den Durchschnittsbürger (und jeden Amerikaner/Asiaten/Afrikaner/Russen, der bereits 20 Minuten Deutschunterricht genießen durfte) schon nach 10 Sekunden des bloßen Zuhörens Hirnmasse kotzen. (Wir reden hier nicht vom niedlich-dummen “oida” der Wiener sondern von einem groben und primitiven steirischem “oida”.) Es war mir unbegreiflich wie ich das Pech haben konnte, mit ihm zur gleichen Zeit am gleichen Ort des riesigen Kombinats an militärischen Dienststellen stationiert zu werden. Nach einem prägenden Gespräch mit ihm nannte ich ihn in meinem Kopf nur noch “Kommerz”:
Er: “Studenten oida, die sind olle vul kommerz oida!”
Ich: “Was heißt denn ‘kommerz’?”
“Jo, äh, des wos olle mochn.”
“Also meines Wissens nach ist ‘kommerz’ eine Abkürzung für kommerziell und das heißt prinzipiell gewinnorientiert…”
“Des is des wida des kommerz des du kennst, walst nur deine Fachausdrücke kennst. Aba i man des ondare kommerz!”
Kommerz ist eigentlich ein Charakter zum Verfilmen. Schicksalsschwanger. Der zukünftige Sozialfall. Mit Zahnbelag so dick, dass man sich wundert warum der beim Kauen nicht von selbst runter geht. Er würde bei jedem Zuschauer sofort tiefe Emotionen wecken. Negative natürlich.
3 Monate brauchte er um seine Schulden von 75€ bei mir zu begleichen. 20 Minuten brauchte er um während seines Bereitschaftsdienstes die Trinkgeldkasse aufzubrechen. Ebenfalls Ausdruck seiner immensen Dummheit. Warum?
Freitag: Jeder ist da. Nach Dienst wird abgerechnet und das Trinkgeld in die Kasse geworfen, deren Zustand zu diesem Zeitpunkt als offensichtlich unbeschädigt und unangetastet beschrieben werden kann.
Samstag: Kommerz hat Bereitschaft. Er ist allein. Sonst ist niemand da. Auch keine Gäste.
Sonntag: Niemand ist da. Die Caféteria/das Soldatenheim wird nicht einmal aufgesperrt.
Montag: Jeder ist da. Die Kasse ist aufgesperrt, der Zustand des Schlosses vergleichbar mit dem Hymen einer Prostituierten.
Wir natürlich alle empört. “Da fehlen 320€, kann bitte wer die Polizei rufen?” Anfangs bestritt er noch alles (“Oida vastehst es ko nua i gwesen sein, oba i woas ned!”) während er am nächsten Tag offensichtlich einen Geistesblitz hatte (“Jo i wors, oba i hob nua 180€ rausgnumman. Ned mea.”). Der Dienststellenleiter sorgte aus Mitleid beim Kommando dafür, dass die Polizei nicht eingeschaltet wird und der Kommerz stieg mit 140€ Gewinn aus. Noch am selben Tag, an dem er gestand die Kasse aufgebrochen zu haben, ließ er es sich nicht nehmen, mich in einem, meiner Erinnerung inzwischen entfleuchten, Zusammenhang als “Kameradenschwein” zu bezeichnen.
Nach 3 Monaten auf meiner Dienststelle kam es schließlich, wie es kommen musste: Mein magerer Verdienst wusste meine gefräßige Lesewut nicht mehr zu stillen und ich konnte mir die Einkäufe im Buchhandel nicht mehr leisten. Meine Psyche setzte, um nicht vor Langeweile zu kollabieren, einen regressiven Abwehrmechanismus in Gang und versetzte mich in das infantile Sammelfieber, das ich schon als kleines Kind bei Pokémon durchmachen musste: Jede Einheit hat ein eigenes Uniformabzeichen (“Badge”) und jeder Dienstgrad eine eigene Rangschlaufe (“Keks”). Und so fragte ich einfach jeden der das Soldatenheim betrat, ob ich sein Badge/Keks haben dürfe. Ich beendete meinen Grundwehrdienst mit etwa 70 verschiedenen Badges und 24 verschiedenen Dienstgradschlaufen. (Der Brigadier-Keks wurde mir vom steirischen Militärkommandanten sogar eigens an meine Privatadresse geschickt.)
Und eines Tages waren sie plötzlich da. Den ersten Blüten im Jahr gleich, das Ende des Winters verkündend – ein Hoffnungsschimmer. Die Jungmannschaft, gekommen um unseren Zug abzulösen.
Erwähnenswert ist eigentlich nur eine Person der Jungmannschaft, ein gelernter Koch, der in die Küche des Soldatenheims hätte kommen sollen. (Wir protestierten beim Dienststellenleiter.) Mit “gelernt” meine ich einen §8b2-Patienten*, aber immerhin hat er seine LAP – nicht so unser Kommerz. Während Kommerz seinen Arbeitgeber über längere Zeit als Kellner um insgesamt 6000€ betrogen hatte, allerdings dank seiner Tante, die prompt einen Kredit für ihn aufnahm um das Geld zurückzuzahlen, nicht gefeuert wurde, konnte unser §8b2-Freund dem Schicksal der unehrenhaften Entlassung nicht entgehen:
Ich: “Hey, du, stimmt des, dass du in der Küche in der du gearbeitet hast Putzmittel ins Gulasch geleert hast?”
§8b2: “Jo.”
“Warum hastn das gmacht?”
“Zum Woschn.”
(!!!)
“… und hats gschmeckt nachher?”
“Ääh uhm…”
Zwei Wochen nach dieser Unterhaltung erkannte sogar der Heeresarzt das Offensichtliche – während ich diesen Artikel schreibe, sitzt der Kerl im LSF, wo man ihn hoffentlich so schnell nicht wieder entlässt.
Es fällt mir schwer, abschließende Worte für meine 6 Monate als Soldat zu finden. Ich habe gelernt, dass noch viel mehr Menschen Vollidioten sind, als ich bisher dachte. (Und in dieser Beziehung bin ich von Geburt her pessimistisch eingestellt.) Ich weiß, dass ich nie wieder unfreiwillig in ein Umfeld gestoßen werden will, in dem ich überhaupt kein Mitspracherecht besitze, was die Auswahl meines sozialen Umgangs betrifft. Und ich bin ein Meister des Aktionismus geworden.
Wirklich ARBEITEN hat mich im letzten halben Jahr keiner gesehen.
*Freundlich ausgedrückt heißt das: “Lehrling mit sonderpädagogischem Bedarf”




Die Gespräche mit Kommerz und vor allem das mit dem Nachnamen waren genial xD Hat mich zum lachen gebracht…. Macht mich im großen und ganzen froh nichtmal zur Musterung gemusst zu haben…danke :)