Das Arbeitslos
Es dämmerte bereits, als sich eine kleine Menschengruppe um den alten, am aufgerissenen Asphalt sitzenden Mann sammelte. „Früher war alles anders…“, begann er zu erzählen und schob seine Brille den gekrümmten Nasenrücken hoch. Einige stöhnten, wendeten sich ab und gingen. Doch die Jugendlichen und Kinder setzten sich zu dem Mann und starrten ihn gespannt an. „Früher“, fuhr er fort, „gab es viel zu tun. Straßen mussten gekehrt werden, Menschen wurden von Hand operiert und im Supermarkt gab es Kassen, wo ein Angestellter die Waren über einen Barcodeleser zog.“ Der Alte unterbrach seine Erzählung und hob seinen Kopf. Verwirrte Gesichter starrten ihm entgegen und er begriff, dass sie keine Ahnung hatten, wovon er sprach. Doch er nahm sich die Zeit und erklärte es ihnen, erklärte, dass man für Lebensmittel damals zu zahlen hatte, erklärte wozu man Straßen ursprünglich gebaut hatte. Und während er redete, zitterte sein langer weißer Bart, der sonst so unbewegt auf seiner roten Weste ruhte.
Die Modernisierung hatte in den letzten 50 Jahren viel verändert und Maschinen regelten den Alltag. Er selbst hatte den Leuten einmal im Jahr ihre Wünsche erfüllt. Kaum vorstellbar, dass es eine Zeit gegeben hat, in der die Leute noch Wünsche hatten. Heute gab es für ihn keinen Grund mehr aufzustehen. Auch morgen wird es keinen Grund geben – vermutlich nicht bis zum Ende seines Lebens. Die nächste Ziehung ist bereits in einer Woche, doch er sei zu alt, hat man ihm gesagt. Mehrere Millionen waren scharf auf das Arbeitslos, welches einem für die kommenden 10 Jahre eine Beschäftigung garantierte. Aber es war mehr als das. Es sorgte für einen Grund zum Aufstehen. Er hatte sich in letzter Zeit schwer getan, aus dem Bett zu finden. Niemand wartete auf ihn. Höchstens die Kinder und Jugendlichen wusste er noch mit seinen Geschichten von der alten Zeit zu beeindrucken, doch auch sein Reservoir an Erzählungen war begrenzt.
Die Sinnfrage hatte vielen hier ihre Familie genommen. Der Staat beschäftigte alle 406 Berufstätigen in diesem Land. Diese wiederum sicherten der restlichen Bevölkerung ihren Wohlstand durch Arbeiten wie der Reparatur einer Maschine. Inzwischen war der Freitod die häufigste Todesursache weltweit geworden.
Es war dunkel geworden und die Gruppe der Jungen hatte sich restlos zerstreut. Der Mann sah die Straße entlang. Im Schein einer Laterne sah er die Silhouette einer Person, die sich mit einem großen Rucksack abmühte und ihm entgegen stolperte. Der Abstand zwischen ihnen war sicher 200 Meter groß, doch der Alte erkannte, dass es sich um ein Regierungsmitglied handelte. Ein Arbeitsloser, der sich auf sein Wochenende freute. Der Alte schmunzelte traurig. „Ich bin der Loser.“, schoss es ihm durch den Kopf, als ihm klar wurde, dass er selbst seit Ewigkeiten kein Wochenende mehr erlebt hatte. Er schulterte seinen eigenen, leeren Sack, der früher immer so voll gewesen war und schritt der Silhouette entgegen. „Vielleicht“, so dachte der Weihnachtsmann, „hat diese Person einen Wunsch an mich.“ Die Laterne flackerte. Und erlosch.
