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Ein paar Gedanken zur BPW16

Jetzt ist es so weit. Bei einem derartig protrahierten Wahlkampf und der ärgerlich larmoyanten Stimmung der „Politikinteressierten“, die sich seit dem 24. April hält, fällt es schwer, nicht selbst auch einen verzichtbaren Kommentar auszustoßen. Synchron zu jedem Wahlergebnis mutiert unser aller Umfeld nämlich in seiner Gänze zu politologischen Schwergewichten und selbst jene, die nicht einmal das Geständnis scheuen, normalerweise auf das Lesen einer Tageszeitung zu verzichten, empören sich auf Facebook über die „Blödheit der Masse“. Ich kann mir daher nicht vorstellen, dass meine bescheidene Sicht der Dinge einen geringeren Anspruch auf ihre Existenzberechtigung hat, als die vierundzwanzigtausendste Duplikatur eines zynischen Zitates in ärgerlich pathethischem Kontext.

Karl Kraus

Das Facebook-Bildchen: Karl Kraus war für ein paar Stunden der beliebteste Autor Österreichs…

Wahrscheinlich ist es gar nicht so einfach, eine halbwegs differenzierte Meinung zu diesem Wahlkampf zu äußern, die nicht schon von irgendeinem gelangweilten Journalisten getwittert wurde, aber ich erhebe ja auch keinen Anspruch auf Einzigartigkeit, sondern versuche ein lesenswertes Destillat meiner schweifenden Gedanken zu fabrizieren.

Am meisten verwundert haben mich die (österreichischen) Medien. Die „Wahlfahrt“ ist zwar ein recyceltes Format, hat auf den ersten Blick aber gerade beim Bundespräsidentschaftswahlkampf seine Berechtigung: In einem Amt, dessen Hauptaufgaben Repräsentation und Diplomatie darstellen, macht es doch Sinn, die Kandidaten persönlich kennen zu lernen, oder? Ich finde nicht. Es ist der gesunden Psyche in meinen Augen auch nicht zuträglich, vom Ausgangspunkt der Information zu Lieblingsspeisen oder Gläubigkeit über das außenpolitische Verständnis der Kandidaten urteilen zu müssen. Dann wiederum würde niemand, der noch bei Sinnen ist, dem Durchschnittsösterreicher ein fundiertes Urteilsvermögen zu außenpolitischen Standpunkten attestieren – das maße ich mir auch selbst nicht an. Ein demokratisches Dilemma. Neu war zumindest für mich das PULS4-Taferl-Konzept mit Englisch-Testat. Nichts gegen Frau Milborn im Generellen, aber da fand ich sogar die Moderation vom würdelosen „ATV Meine Wahl“-Programm strukturierter. Zum Kalkül hinter diesem „Gladiatorenkampf“ möchte ich mich gar nicht weiter äußern, da der normalintelligente Zuseher wohl befähigt ist, den Zusammenhang zum Fernsehquotenkampf herzustellen.

Egal. Ist ja jetzt alles schon passiert und hat irgendwie das politische Niveau gedrückt. Aufgefallen sind mir die Gegensätze, die Norbert Hofer in seinem Wahlkampf geschickt zu vereinen weiß. Um das zu erklären, möchte ich sehr vereinfachend – und wohl sympathiegefärbt – rekapitulieren: Oberflächlich charakterisieren kann man die Kandidaten als Universitätsprofessor und Burschenschafter. Der eine ein Intellektueller, der eine akademische Karriere hinter sich hat. Der andere ein Maturant, dessen Karriere politischer Natur ist. Nun will der Maturant eine autoritäre Führungsperson sein und betont zeitgleich seine Nähe zum Wähler. Wie passt das zusammen? Die Prämisse, „der Österreicher“ würde einen Bundespräsident wollen, zu dem er aufblicken kann, wird völlig ausgehebelt. Hofer ist der Kumpel im Bierzelt – mit allen auf Augenhöhe. Aufblicken muss zu ihm nur die Regierungsbank, die er totalitär dominieren kann. Völlig konträr dazu, würden zu Alexander van der Bellen die Österreicher – zumindest jene, welche die Intelligenzija (dummes Wort, ich weiß, bla – aber die Distinktion gehört erwähnt) und Bildungshintergrund achten – aufblicken, während die Regierungsbank auf Augenhöhe stehen würde. Dass Hofers Positionierung bisher mehr Anklang gefunden hat, liegt wohl auch am unvorteilhaften Bild der Regierung, das zu zeichnen die Medien aller politischen „Lager“ die letzten Jahre über sehr bemüht waren. Es ist eine Plattitüde, aber Skandale verkaufen sich eben besser als Erfolge.

Interessant finde ich auch diese Paralleldiskussionen rund um das „NLP“. Also nicht deren Inhalt, sondern viel mehr, dass sie als solche existieren. Vermutlich waren 90% der Vorwürfe, „NLP-Strategien“ zu verwenden, in diesem Wahlkampf ungerechtfertigt. Ich bin der Überzeugung, dass kaum jemand der sich mit NLP auch nur kurzzeitig beschäftigt, diesen Techniken ein derartiges Ausmaß an Bedeutung beimessen würde, wie es Hofer-Kritiker und Journalisten die letzten Tage getan haben. Auf mich hat der sogenannte „NLP-Künstler“ Hofer nämlich gewirkt wie jemand, der die Rhetorik, Mimik und Gestik von einem präpubertären Kind anwendet, ohne dabei wie ein geistig Retardierter wirken zu wollen. Das stößt mir, in den Momenten in denen ich es schaffe, aufmerksam einem dieser Streitgespräche zu folgen, unangenehm auf. Ebenso wie der Trend, diese Debatten auf schwammige NLP-Muster zu untersuchen, wozu sich sogar der FALTER erniedrigt hat. Einfache soziale Kommunikationsgrundsätze, werden für mich nicht weniger evident, nur weil man sie plötzlich in prätentiöse Fremdwörter („Neuro“, „Linguistik“) verpackt. Ein wenig nachvollziehbarer, aber auch nicht wirklich spannend, finde ich den Vorwurf, Hofer würde sich eristischer Dialektik bedienen. Vielleicht bin ich ignorant, aber solche Analysen fallen für mich unter intellektuelles Kleingeld und befinden sich weit außerhalb meiner geistigen Komfortzone.

Das Spitzenthema der periodisch inkarnierenden Politologen ist aber augenscheinlich Norbert Hofers bisheriger Wahlerfolg. Es liegt mir fern, all die halbherzigen Phrasen und Theorien zu replizieren, die man in Diskussionen zu diesem Wahlkampf bisher gelesen und gehört hat. Aber die eine These, die sich penetrant in beiden politischen Lagern und wahlübergreifend hält, möchte ich doch aufgreifen:

Die FPÖ ist die einzige Partei, die sich gewisse Themen anzusprechen traut(, oida).

Die prädestinierte Nachfrage fordert natürlich, diese Themen zu benennen. Die großen Probleme dieses Landes, die also fast alle/viele Bürger betreffen, können es ja nicht sein: die steigende Arbeitslosigkeit, die (HYPO-)Schulden und der „unattraktive Wirtschaftsstandort Österreich“ wurden vor der ersten Wahlrunde von Lugner besser auf den Punkt gebracht, als von sonst einem Kandidat. Die weniger großen Probleme äußern sich in Einzeilern wie „Die Erdogan-Türkei ist für die EU-Mitgliedschaft völlig ungeeignet!“ – eine Meinung, die den Rechten und Linken der Nation gemein ist. Dass die Regierung mit ein paar Tausend Flüchtlingen überfordert ist (war?), stellen die NGOs auch von ganz alleine fest, ohne dass die Freiheitlichen das erklären müssen. Worauf die FPÖ herumhackt ist die „Ausländerkriminalität“, ein Problem, das ebenso von allen Parteien thematisiert wird, nur die FPÖ-Politiker gewichten das halt, als hinge das Leben ihrer Kinder davon ab, verallgemeinern es und lassen es nicht mehr los. Und das ist mutig? So paradox das klingen mag, aber ich bin der Überzeugung, dass es Probleme gibt, deren Lösung durch hartnäckiges Thematisieren in noch weitere Ferne rückt. Dies nur als kleine Botschaft an die politischen Amateur-Phrasendrescher.

Bevor ich Gefahr laufe, diesen Kommentar zur reinen FPÖ-Kritik verkommen zu lassen – das interessiert ja in Wirklichkeit auch niemanden mehr – wage ich noch einen vorsichtigen Blick in die Zukunft: Die „Präsident VdB“-Vision legt nahe, dass er als Bundespräsident wohl die größten Probleme haben wird, die Regierungsarbeit problemorientiert voranzutreiben. Christian Kern hin oder her. Die „Präsident Hofer“-Vision bedarf einer rigideren Realitätskontrolle: wahrscheinlich sind aktionistische, medial inszenierte, „offizielle“ Rügen der Regierung. Nahezu sicher ist eine drastische Reduktion offizieller Staatsbesuche des österreichischen Bundespräsidenten. Das spart Geld. Aber die innenpolitische Auswirkung beider Option wird wohl identisch sein.

ÖH-Wahlplakatanalyse 2015

Wie der strebsame Studiosus in den letzten Wochen unschwer bemerken konnte, stehen im Frühjahr 2015 wieder einmal die ÖH-Wahlen an. Im zweijährigen Rhythmus findet diese – gemessen an der Beteiligung – unspektakulärste aller Wahlen statt. Nicht einmal 30% der Wahlberechtigten verschlug es 2013 zu den ausgeschnittenen Schuhkartons – von sichtlich bemühten Wahlhelfern euphemistisch als „Urne“ bezeichnet. Das Desinteresse an der ÖH ist leicht erklärbar, vermag der durchschnittliche Studentengeist doch oftmals gar die Existenzberechtigung dieses Vereins nicht zu erfassen. Doch wie sich auch für die Position des Schulsprechers einige übermotivierte Gestalten begeistern können, werben die unterschiedlichsten pseudoseriösen Jungpolitiker um die Stimmen der Studenten, um letztendlich als deren Vertreter bis zur nächsten ÖH-Wahl im Untergrund zu verschwinden.

Ich selbst darf unfreiwilligerweise das Vergnügen, den Campus der KFU Graz zu frequentieren, wieder mein Eigen nennen. Fasziniert fand ich mich vor all den Wahlplakaten wieder, staunend über derartig viele „-keiten„, allen voran Inhaltslosigkeit, Lächerlichkeit und Peinlichkeit. Auch wenn der schiere Horror den potenziellen Wähler in Graz derzeit durch den zahnreichen Grinser Kunaseks heimsucht…

…möchte ich mir die Chance nicht nehmen lassen, meine qualifizierte Fachmeinung (…) zu den von mir gesichteten ÖH-Plakaten abzugeben. Ich werde alphabetisch vorgehen.

 

AktionsGemeinschaft

 

Die ÖVP-finanzierte Organisation führt einen erstaunlich ehrlichen Wahlkampf: hier dreht sich alles um die Inhaltslosigkeit. Unter dem Motto „lebens:wert studieren“ sorgen die Herrschaften bei mir aber auch für einige Verwunderung. Zugegeben, die deutsche Sprache kann mit einigen orthographischen Raffinessen aufwarten, doch ist das Adjektiv „lebenswert“ nicht sonderlich komplex und ergibt durch diese seltsame Trennung nicht einmal im Ansatz ein Wortspiel. Der verantwortliche FH-Hipster hat an dieser Stelle wohl verpasst, dass „lebens“ alleinstehend nichts bedeutet und wenn willkürliches Doppelpunktsetzen heute cool sein soll, frage ich mich, ob wir uns in einigen Jahren genau so dafür schämen, wiiε dαmαLzZ iim** SchülerVZ. Immerhin ist die AG so freundlich, dem geneigten Passanten (wenn auch sehr lapidar) das Demokratieprinzip zu erklären. „Deine Entscheidung, Deine Wahl.“ prangt da, die gar nicht mehr so „neue“ Rechtschreibung ignorierend, welche uns seit nun fast zwei Dekaden vorgibt, Personalpronomen in der unpersönlichen Anrede gefälligst klein zu schreiben.

 

fachschaftslisten

 

Ich gestehe, mich nicht sonderlich intensiv mit Hochschulpolitik auseinanderzusetzen (wer tut das schon?), aber von „fachschaftslisten“ habe ich noch nie gehört. „flug“ kommt mir aber irgendwie bekannt vor – vielleicht sind die ja wirklich vor 2 Jahren schon angetreten. Ich muss sagen, ich finde diese Plakate ja irgendwie charmant. Mit „unabhängig“ ist vermutlich „nicht parteifinanziert“ gemeint und der Einsatz für mehr Mitspracherecht – also der Einsatz, den von den Wählern erteilten Arbeitsauftrag zurück auf die Studenten abzulagern – bedeutet ja quasi, dass ich mich selbst wählen würde. „Unabhängig. Unermüdlich. Unbeirrbar.“ – wie ein Schaf eben. Und wer würde mit dem Parteikürzel „flug“ denn bitte kein Schaf als Logo wählen?

 

Grüne & Alternative StudentInnen

 

Bei den Damen von den GRAS scheitert es bei mir ja schon am Namen. Sich selbst als „alternativ“ zu bezeichnen, ist nicht nur abstoßend infantil, sondern erinnert auch ein wenig an die Waldorfschule. Außerdem bin ich keine StudentIn. Es ist zwar schön, dass „eine Uni ohne Diskriminierung“ gefordert wird, allerdings frage ich mich, ob das nicht schon vor Jahren erreicht wurde. Die perfekt auf meine Person angepassten (…) Uni-Rundmails bezüglich der Termine für den nächsten „Queer-Stammtisch“ und der veganen Woche in der Mensa lassen mich das nämlich vermuten. Das „Top-Ticket für Studierende“ können die GRAS fordern soviel sie nur wollen, aber in den „Kompetenzbereich“ der ÖH fällt das mitnichten. Der Antrag dafür gehört in den Landtag, wo er im Februar 2015 auch gelandet ist. SPÖ, ÖVP und FPÖ waren halt nur leider dagegen.

 

JUNOS – Junge liberale NEOS

 

In der Kategorie „Peinlichkeit“ avancieren dieses Jahr die JUNOS auf einen Stockerlplatz. Ein farbiger Student schmust mit einem Burschenschafter – darunter die Bestätigung der nicht sonderlich subtilen Botschaft, keine Ideologie zu befürworten oder zu vertreten. Damit treten die Liberalen gekonnt in die Fußstapfen der Mutterpartei, denn auch bei der weiß man bis heute nicht, wo sie eigentlich stehen und wofür sie sich einsetzen. Das vermag aber nicht die Begeisterung, insbesondere die meiner am RESOWI studierenden Freunde, zu trüben. Und die müssen es ja wissen. „Dein Beitrag, deine Entscheidung!“ prangt da weiters in völlig korrektem Deutsch, liebe AktionsGemeinschaft! Aber wer will diese Entscheidung? Mit dem astronomisch hohen ÖH-Beitrag (… gerundet 20€/Semester) erkaufe ich mir die wertvolle Freiheit, das ganze restliche Halbjahr von prätentiösen Wichtigmachern verschont zu bleiben und eben nicht alle paar Wochen zur Teilnahme an einer stupiden Abstimmung genötigt zu werden. Würde ich steuern wollen, was mit meinen 20€ passiert, würde ich selber von irgendeinem Plakat grinsen – da die Mehrheit der Studenten das nicht tut, kann man von einem recht einheitlichen Empfinden diesbezüglich ausgehen.

 

Kommunistischer StudentInnenverband

 

Der KSV informiert seine Interessenten mit „Bildung ist keine Ware!“ leider falsch. Zumindest in Österreich ist Bildung eine Ware, aber eben eine, die man für ~20€ pro Semester kaufen kann. In Anbetracht der vielen weiteren Vorteile, welche mit der Einzahlung dieses ÖH-Beitrags einhergehen (siehe „JUNOS“), kann die Höhe dieser Summe einer mental stabilen Person wohl kaum zum Beschwerdegrund gereichen. Recht haben die Kommunisten dabei, dass Wohnen leistbar sein muss. Was diese Forderung, um die sich Elke Kahr seit Jahren im Grazer Gemeinderat bemüht, auf einem ÖH-Wahlplakat verloren hat, weiß wohl niemand so recht. Allerdings würde ich wirklich gerne wissen, wie Rektorin Neuper reagiert, wenn bei einer Sitzung mit den Studentenvertretern der „Schluss mit hohen Mieten, Maklergebühren & unbezahlbarer Kaution“ von ihr gefordert wird.

 

Ring Freiheitlicher Studenten

 

Selbstverständlich kandidiert auch wieder die FPÖ-Jungorganisation. Mit aussagekräftigen Wahlslogans wie „Traust di nie!“ appelliert endlich eine Partei an die Vernunft der Studenten. Als ich mich zum Schreiben dieses Artikels entschloss, konnte ich auf dem KFU Campus nur leider kein einziges Plakat mehr finden – offenbar hat sich eben doch wer getraut. So suchte ich also das Sprachinstitut in der Merangasse auf, wo die Plakate zwar noch aufzufinden waren – allerdings nicht mehr vollständig intakt. Ich selbst finde das ja ein wenig schade, wo es doch meistens die Rechten sind, deren Idiotie auch noch der geistloseste Zyniker ohne besondere Anstrengungen bloßzustellen vermag. Als ebensolcher nimmt mir das nun den Wind aus den Segeln, war doch der RFS-Abschnitt als Artikelhighlight geplant.

 

Verband Sozialistischer Student_Innen

 

Der SPÖ-finanzierte VSSTÖ kandidiert unter dem kräftigen Motto „Her mit dem ganzen Leben!“ – da ich es lächerlich finde solche Slogans zu zerstückeln indem man sie wortwörtlich nimmt, greife ich also zu der einzigen Interpretation, die diesen Verband nicht wie eine Horde Sexualstraftäter oder Massenmörder dastehen lässt: Ich soll das Recht auf mein ganzes Leben einfordern. Da dieses nicht aus dem Ausbildungsweg besteht, handelt es sich dabei – ganz wie es sich für die braven Arbeiter gehört – um die Aufforderung mein Studium abzubrechen. Zu dieser Schlussfolgerung könnte auch der RFS gekommen sein, was „Traust di nie!“ als Antwort auf dieses Plakat dann wieder durchaus schlüssig erscheinen lässt. Ansonsten wird man von einem Haufen Gesichter erschlagen, was angesichts der Konkurrenz wohl gar keine so schlechte Idee zu sein scheint. Denn so dämlich, wie es die Wahlslogans und Forderungen auf den restlichen Plakaten sind, kann ein Mensch gar nicht aus der Wäsche schauen.

Sollte sich an dieser Stelle nun ein mäßig interessierter Leser zu der Frage erdreisten, wohin diese Auflistung eigentlich führen soll, so kann ich mit keiner zurechtgelegten Erklärung kontern. Doch während des Schreibens wurde mir klar, dass ich wirklich keinen Grund habe, aus der 70%-Nichtwähler-Mehrheit auszubrechen. Jede „Liste“ ist auf ihre eigene Weise so derartig peinlich, dass ich mich schämen würde, den Schuhkarton mit meinem Wahlzettel zu füllen – wissend, dass mich jemand dabei sehen könnte, wie einer dieser Kasperlvereine gerade meine Unterstützung findet.

Zuletzt möchte ich hier noch meinen persönlichen Favoriten aus all den Wahlplakaten platzieren, gesichtet vor dem Haupteingang der Alten Technik:

 

Ich weiß, dass es sich nicht lohnt, hierüber noch Worte zu verlieren aber… das kann doch niemand erst meinen, oder!? Das sind TU-Studenten! An einer Universität, die vor „Kurzem“ den ersten Satelliten Österreichs hochgeballert hat! Abgesehen davon wäre sogar für einen 10jährigen Kandidaten ein Plakat mit diesem Slogan und dem Beisatz „neue Medien auf der Uni!“ lächerlich. Außer natürlich den GRAS ist es ernst – in diesem Fall möchte ich mich entschuldigen und unterstütze die Forderung, dass Professoren ihre Lernunterlagen künftig mit Snapchat verschicken. Schließlich haben die Studenten ja die „neuen Technologien – ihre Smartphones – in der Tasche“ und alternativ wäre das auf jeden Fall.

Surströmming

Haben Sie eine Assoziation zum Begriff „Surströmming“? Sollte dem so sein, kann ich nur hoffen, dass diese oberflächlicher Natur ist. Tatsächlich wage ich zu behaupten, dass die durchschnittliche neuronale Reaktion eines Zentraleuropäers auf das Phänomen Surströmming etwa der entspricht, die auch beim Anblick einer brutalen Exekution eines Hundewelpen stattfinden würde. Sollte Sie letzteres Szenario schon rein hypothetisch nicht schockieren, verzichten Sie bitte darauf an dieser Stelle weiterzulesen. Sie sind ein schlechter Mensch!

Nun, es begab sich eines beliebigen Nachmittags von retrospektiv unklarer Lebensqualität, dass ein junger Mann seinem dreieckigen Freundeskreis von Surströmming berichtete. An eben diesem Nachmittag sollten auch die Pläne für den Silvesterabend geschmiedet werden und so beschloss das Triumvirat, ohne zu wissen worauf es sich einließ, unisono: „Zur Jahreswende gilt es, eine schwedische Spezialität zu verzehren!“ Diese schwedische Spezialität, ein fermentierter Hering, mit dem klanghaften Namen „saurer Strömling“ wurde sogleich im Internet bestellt und der Verzehr trotz skandinavischer Lichtverhältnisse filmisch erfasst:

 

Spotted: der gläserne Mensch wird noch gläsener

„Spotted“ heißt ein neuer Facebook-Trend, dessen Konzept einfach, erfolgreich und vor allem sehr bedenklich ist. War ich bisher noch der Meinung, dass Facebook-Abstinenzler mit ihrem Privatsphäre-Wahn übertreiben, beginne ich mich inzwischen ernsthaft zu sorgen: man schickt dem (anonymen) Betreiber der Spotted-Seite seines sozialen Umfelds (bspw. der Seite „Spotted: University of Vienna“) eine private Nachricht mit der Beschreibung einer Person, die man in der Bibliothek, dem Hörsaal, der Mensa oder vor der Toilette „gespotted“ hat. Die Seitenbetreiber veröffentlichen diese Beschreibung anonym und in den meisten Fällen findet sich eine Verlinkung des Facebook-Profils der gesuchten Person unter den ersten 10 Kommentaren im Beitrag. Das klingt nicht halb so morbide wie es eigentlich ist. Ich selbst war bisher nicht in der Rolle eines Gesuchten, ebenso wenig habe ich einem anonymen Suchenden geholfen. Ich war ein Täter.

In meinen Vorlesungen sitze ich oft neben einem recht auffälligen Kommilitonen, von dem ich letzten Montag um 12:22h eine knappe Beschreibung an die Spotted-Seite meiner Universität schickte. Um 13:10h wurde die Nachricht anonym veröffentlicht und um 13:32h hatte der Beitrag einen (den ersten) Kommentar mit einem Link auf die Seite meines Sitznachbars. Ich fand das sehr amüsant. „Klick“ hat es bei mir erst gemacht, als sich mein Kollege am nächsten Tag sarkastisch für die Aktion bedankte. Grinsend erzählte er mir, dass er heute ständig angestarrt und bereits von 7 Leuten angesprochen wurde. Was habe ich da eigentlich gemacht?? Unfassbar.

Die Idee stammt natürlich nicht aus einem österreichischen oder einem deutschen Kopf. So hat beispielsweise die Seite „Spotted: on Dublin Bus“ auf Facebook über 32.000 Anhänger, das Pendant für die Bibliothek der GCU (Glasgow Caledonian University) über 6000 „Fans“. Wachstum nahezu exponentiell. So legte die Seite für die Universität Graz innerhalb von 2 Tagen über 1500 Fans zu. Das Idiom wurde höchstwahrscheinlich aus der Fernsehserie „Gossip Girl“ übernommen, in der eine Bloggerin von Jugendlichen via SMS Informationen über Dritte („die Reichen und Schönen“) erhält und diesen Klatsch über das Internet verbreitet – sehr zum Ärger der Betroffenen. Das Motiv der Facebook-Seitenbetreiber: Liebe.

"SHARE THE LOVE"

„SHARE THE LOVE“

Die Umsetzungen dieses Stalking-Prinzips auf Facebook sind alle noch recht jung: die ersten „Spotted“-Seiten wurden im Dezember 2012 erstellt – im Zeitrahmen von nur einer Woche. Seitdem vermehren sie sich blitzartig: nightlife, öffentliche Verkehrsmittel und die gesamte Stadt – alle haben eine eigene „Spotted“-Seite. Daraus kann man sowohl auf Trittbrettfahrer als auch auf ein organisiertes Vorgehen von einer oder mehreren Personen schließen. Interessant ist ebenfalls, dass sich für die großen und sehr bekannten Universitäten wie beispielsweise Harvard keine „Spotted“-Seiten auf Facebook finden lassen. Es ist in meinen Augen relativ unwahrscheinlich, dass diese bis jetzt noch nicht gegründet wurden. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Uni oder Facebook selber reagiert hat und eine Löschung erfolgte.

Warum sollte man gegen diese Stalking-Seiten so radikal vorgehen? Kann man die Internetgeneration nicht einfach ihren Spaß haben lassen? Ich bezweifle sehr, dass sich derzeit in den Gesetzbüchern Richtlinien finden lassen, nach denen man gegen diesen Mechanismus vorgehen kann – was ich nicht bezweifle ist die Gefährlichkeit der Spotted-Eigendynamik. Bisher war es angebracht seine „Privatsphäre-Einstellungen“ entsprechend zu wählen, um nicht gefunden zu werden. Nun werden die eignen Facebook-Kontakte zum Privatsphärenrisiko – oder überspitzt ausgedrückt: zu Verrätern. Denn das Prinzip setzt nicht voraus, dass die oder der Gesuchte selbst ein Facebook-Profil hat. Sobald man extravertierte Freunde, Kollegen oder Bekannte hat, die dem Spotted-Trend folgen, kann auch schon der eigene Name in den Kommentaren zu den Suchanfragen aufscheinen. Dass Mobbing-Fälle auftreten ist ebenso prädestiniert, wie das weitere Wachstum der Seiten, denn von einer Jugend die es im Internet so weit treibt, dass Mitschüler Suizid begehen, kann man diesbezüglich keine moralische Haltung erwarten. (Wohl aber eine R.I.P.-Fanseite.)

Es ist ein effektiver menschlicher Such-Algorithmus, der alle bisher gesehenen mathematischen Alternativen bei Weitem in den Schatten stellt. Nutzer werden freiwillig und abseits jedweder kritischer Gedanken zu einem Teil von eben diesem, weil „im Internet ist eh alles nur Spaß“. Aber nur genau so lange, bis man sich selbst in einer möglicherweise diffamierenden „Spotted“-Meldung erkennt…

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